Zweimal gegründet

Aus der Geschichte der Musikbücherei

Wie die gesamte Stadtbücherei (als ehemalige Städtische Volksbücherei) ist auch die Musikbücherei aus der Volksbildungsbewegung hervorgegangen, die nach der vorletzten Jahrhundertwende eingesetzt hatte. Ihre Geschichte verlief jedoch in den ersten Jahrzehnten bis zum Zweiten Weltkrieg getrennt von derjenigen der Volksbücherei, aber naturgemäß in engem Zusammenhang mit den beiden städtischen Musikbildungsinstituten.
Keine Geringeren als Paul Marsop, der Gründervater von etwa zwei Dutzend Musikbibliotheken in Deutschland, und der prominente Augsburger Singschuldirektor Albert Greiner starteten im Kriegsjahr 1914 den ersten Vorstoß zur Gründung einer "öffentlichen Volksbücherei für Musik" in Augsburg mit Eingaben in Stadtrat und Stadtverwaltung und flammenden Appellen an die Öffentlichkeit. Die Vorzeichen standen günstig, hatte die Stadt doch aus der Konkursmasse eines Musikverlages eine kolossale Musikaliensammlung von ca. 40.000 Bänden als Schenkung erhalten, mit der Auflage, damit eine öffentliche Musikbibliothek zu gründen.

Vorläufig fehlten aber geeignete Räumlichkeiten. Eine Unterbringung im Gebäude der Stadtbibliothek (heute Staats- und Stadtbibliothek) scheiterte am Widerstand des damaligen Bibliotheksdirektors Dr. Schmidbauer, der die freien Kapazitäten für die neu gegründete Städtische Volksbücherei reserviert hatte und im übrigen eine Musikbücherei als einen "Fremdkörper" in den Räumen der Stadtbibliothek empfunden hätte. Die weitere Suche gestaltete sich schwierig.

Erst als sich Ende 1921 die Übernahme der schon 50 Jahre bestehenden Musikschule (des späteren Konservatoriums) unter städtische Obhut abzeichnete, bot sich die Chance, diesem nicht sehr üppig ausgestatteten Musikinstitut durch die Angliederung einer reichhaltigen Musikbibliothek zu einem Neuanfang zu verhelfen, ohne den städtischen Etat durch Sach- und Personalkosten für einen zusätzlichen Büchereibetrieb zu belasten. So wurde die Augsburger Musikbücherei im Sommer 1922 als eine Abteilung der städtischen Musikschule gegründet und am 22. Oktober 1923 in den ehemaligen Räumen des städtischen Leihamtes, Hausstelle F 410 in der Jesuitengasse, eröffnet.

Bis zu einem geregelten Betrieb mit geordneten Beständen und festangestelltem Personal war es allerdings noch ein dornenreicher Weg. Nicht nur die Katalogerfassung der Massen von Noten bereitete Schwierigkeiten; die galoppierende Inflation ließ allein schon die Reinigungskosten für die neubezogenen Bibliotheksräume zu einem kaum mehr lösbaren Problem werden. Stundenlohn einer Reinigungskraft am 7. November 1923: 50 Millionen Mark; die monatlichen Reinigungskosten: 39.600.500.000 Reichsmark. Tendenz: stündlich steigend. Und schon wenige Monate später, im Sommer 1924, kam es wegen Personalmangels zur ersten zwangsweisen Schließung der neuen Musikbücherei für fast ein Jahr: die städtische Musikschule benötigte die für Katalogisierung und Ausleihe abgestellte Hilfskraft selber.

Erst im März 1926 bekam die Musikbücherei ihren ersten Bibliothekar. Es war ein Musikwissenschaftler, der aus der Schule Adolf Sandbergers in München stammende Max Herre, dem die Herkulesarbeit der Katalogisierung und Systematisierung von zehntausenden Musikalien aufgebürdet wurde – halbtags, für 150 Mark monatlich. Herre bewältigte die Aufgabe mit Hilfskräften in kaum acht Monaten und konnte die Musikbücherei am 3. Januar 1927, nun in den Räumen des städtischen Konservatoriums an der Heilig-Kreuz-Straße, wiedereröffnen. Seine Startbilanz war dennoch kritisch: "Eine empfindliche Lücke bedeutet das Fehlen jeglicher Theoretika und Zeitschriften. Die Bibliothek weist nicht eine Musikgeschichte auf, keine Biographie, keine einführenden Werke in die Musikliteratur usf." Seine Nachholarbeit in dieser Richtung bedeutete auch die Abkehr von den verstaubten Volksbildungsgrundsätzen Paul Marsops. Erstmals wurden Bücher und Musikalien systematisch und nach Aktualitätsgesichtspunkten erworben. Innerhalb von 20 Jahren wurde aus der Notensammlung eine ansehnliche Fachbibliothek. Herre, der 1924 über Franz Danzis Opern promoviert hatte und zahlreiche Aufsätze zum Augsburger Musikleben veröffentlichte, komponierte auch: bei verschiedenen Augsburger Verlagen sind von ihm u.a. 2 Lieder und eine Märchenoper "Dornröschen" (von der aber anscheinend nur das Textbuch gedruckt wurde) erschienen. Auch für die 1927 erschienene städtische Festschrift zum 50 jährigen Bestehen des Augsburger Stadttheaters zeichnete er als Herausgeber verantwortlich.

Eine Brandbombe zerstörte im Februar 1944 alle musikbibliothekarische Aufbauarbeit: das Gebäude des städtischen Konservatoriums brannte aus, und die gut 40.000 Bücher und Musikalien der ersten Augsburger Musikbücherei gingen fast vollständig in Flammen auf.

Nach dem Kriege wollte die Stadt sich keine eigenständige Musikbücherei mehr leisten. So wurde die Augsburger Musikbücherei am 4. November 1958 als eine Abteilung der Stadtbücherei in dem neuerrichteten Gebäude an der Gutenbergstraße wieder ins Leben gerufen. "Hier schwelgt der Musikfreund nach Noten," titelte damals die Schwäbische Landeszeitung – angesichts der aus heutiger Sicht bescheidenen 2.875 Bände. Der Bestand ist seither wieder auf mehr als das Zehnfache angewachsen (die Tonträger eingerechnet). Ein planvoller, sachkundiger Bestandsaufbau und nicht zuletzt bedeutende Schenkungen haben dazu geführt, daß die scheinbar so imposanten Bestandszahlen der Vorkriegszeit heute bei weitem durch eine viel breitere Vielfalt und Differenzierung des Medienangebots aufgewogen werden. So hat sich die Musikbücherei von einem Institut der musikalischen "Volkserziehung" zu einem Treffpunkt der Musikbegeisterten im Augsburger Raum unter dem Dach eines modernen, serviceorientierten Büchereibetriebs und zu einem kompetenten Ansprechpartner für alle Augsburger Musikinstitutionen gewandelt.

 

Dr. Robert Forster

Die Geschichte der Musikbücherei steht auch als PDF-Datei zum Download zur Verfügung.

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